Geschichte der Stereoskopie

Eine Einführung in das Raumbild (3D-Bild) und zugleich ein Querschnitt durch das Jules-Richard-Museum

Die Stereoskopie (griech. stereos = Raum/räumlich, fest– skopeo = betrachten) ist die Wiedergabe von Bildern mit einem räumlichen Eindruck von Tiefe, der physikalisch nicht vorhanden ist.

Das Prinzip beruht immer darauf, dass Menschen, wie alle Affenarten und die meisten Raubtiere auch, durch ihre zwei Augen ihre Umgebung gleichzeitig aus zwei Blickwinkeln betrachten. Dadurch kann ihr Gehirn zu allen betrachteten Objekten effizient eine Entfernung zuordnen und ein räumliches Bild seiner Umgebung gewinnen.  Die Stereoskopie befasst sich folglich nur damit, in das linke und rechte Auge jeweils unterschiedliche zweidimensionale Bilder aus zwei leicht abweichenden Betrachtungs-winkeln zu bringen.

Beim Stereofoto wird den Augen nur die aus den unterschiedlichen Blickwinkeln gebildete Information angeboten. Da das Auge gewohnheitsgemäß versucht, die Linsenbrechkraft an die vermeintliche Entfernung anzupassen, kommt eine scharfe Abbildung auf der Netzhaut erst mit einer gewissen Verzögerung (im Millisekundenbereich) zustande. Der Widerspruch zwischen der vermeintlichen Entfernung des gesehenen Objekts und der tatsächlichen Linsenkrümmung bewirkt bei manchen Menschen nach längerer Einwirkung auch Schwindelgefühl oder körperliches Unwohlsein.

Mit einer Stereokamera, die zwei identische Objektive in Augenabstand von ca. 68 bis 72 mm aufweist, werden die beiden benötigten Halbbilder gleichzeitig (synchron) aufgenommen. Jedes Einzelbild wird als stereoskopisches Halbbild, das Bildpaar als ein stereoskopisches Bild  bezeichnet.

Bereits im 4. Jahrhundert vor Christus befasste sich der griechische Mathematiker Euklid in den Bänden 11–13 seiner Lehrbücher zur Mathematik mit der Stereometrie. Er wusste nur nicht, dass zwei Augen für den physiologisch räumlichen Seheindruck nötig sind. Auch Leonardo da Vinci hat sich mit diesem Problemkreis beschäftigt.

Es gibt eine doppelte Tuschezeichnung von Jacopo Chimenti da Empoli, die um 1600 entstand. Betrachtet man die Zeichnung in einem Gerät, welches bewirkt, dass jedem Auge nur das jeweilige Bild zugeführt wird, lässt sich eine körperhafte Dimension der Person erkennen. Diese Zeichnung entstand vermutlich für Johann Baptista Porta, einem Gelehrten aus Neapel, der versuchte in einem 1593 veröffentlichten Buch, den plastischen Effekt bildlich zu beweisen.

First Sterodrawing

Es gibt eine doppelte Tuschezeichnung von Jacopo Chimenti da Empoli, die um 1600 entstand. Betrachtet man die Zeichnung in einem Gerät, welches bewirkt, dass jedem Auge nur das jeweilige Bild zugeführt wird, lässt sich eine körperhafte Dimension der Person erkennen. Diese Zeichnung entstand vermutlich für Johann Baptista Porta, einem Gelehrten aus Neapel, der versuchte in einem 1593 veröffentlichten Buch, den plastischen Effekt bildlich zu beweisen.

Ähnliche Versuche gab es 1817 in Italien mit zwei, für jedes Auge getrennte, vollständige Zeichnun-gen der beiden Bilder und die Zusammenstellung derselben zu einem vereinigten Bild, worin man nicht nur das Prinzip des Stereoskopes, sondern man auch das Wesentliche seiner Konstruktion erkennen konnte. Zwei heute noch existierende stereoskopische Zeichnungen heißen „Aufstieg zum Vesuv“ und „Abstieg vom Vesuv“. Beide Aufnahmen befinden sich im Bestand des Jules-Richard-Museums.

Im Jahre 1834 kam der Schotte James Elliot auf den Gedanken, einen Apparat zu konstruieren, der es ermöglichen sollte, „gleichzeitig“ zwei unähnliche Bilder zu betrachten, die den Eindruck eines erhabenen Gegenstandes hervorbringen sollten. Diese Konstruktion führte er jedoch erst drei Jahre nach der Veröffentlichung und Fertigung des ersten Stereoskopes durch Wheatstone im Jahre 1838 aus.

Gezeichnete Perspektiven

1838 veröffentlichte Sir Charles Wheatstone (1802–1875) seine ersten Forschungsergebnisse über räumliches Sehen. Er berechnete und zeichnete Stereobildpaare und konstruierte für deren Betrachtung einen Apparat, bei dem der Blick des Betrachters durch Spiegel auf die Halbbilder umgelenkt wurde. Diesen Apparat nannte er Stereoskop. Wheatstone erreichte die Vereinigung der zwei Teilbilder durch sein Spiegelstereoskop bestehend aus zwei rechtwinklig gegeneinander geneigten Spiegeln, deren Ebenen vertikal stehen. Der Beobachter schaute mit dem linken Auge in den linken, mit dem rechten Auge in den rechten Spiegel. Seitlich von den Spiegeln waren zwei verschiebbare Brettchen angebracht, die die umgekehrten perspektivischen Zeichnungen eines Objekts trugen. Durch die Spiegel wurden nun die von entsprechenden Punkten der beiden Zeichnungen ausgehenden Strahlen so reflektiert, dass sie von einem einzigen hinter den Spiegeln gelegenen Punkt zu kommen schienen. Jedes Auge sah also das ihm zugehörige Bild, und der Beobachter erhielt den räumlichen Eindruck. Dies ist der Beginn der Stereoskopie.

Nachdem 1839 in der Akademie der Wissenschaften in Paris das Verfahren zur Herstellung fotografi-scher Bilder auf Silberschichten von Louis Daguerre öffentlich bekannt gegeben wurde, lag es nahe, da-mit auch stereoskopische Doppelaufnahmen herzustellen, die es bis dahin nur in gezeichneter Form gab.

Sir David Brewster (1781 bis 1868), der eigentlich Pharmazeut, Rechtsanwalt und auch Professor für Physik in Edinburgh war, nahm die Ideen Wheatstones auf. Da er der Erfinder des Kaleidoskopes war, kannte er die Lichtbrechung von Kristallen und stellte das erste Stereoskop vor, fand jedoch keine Aner-kennung. Im Frühjahr 1850 fertigte Dundee ein erstes Stereoskop in London. Dieses nahm Brewster mit nach Paris zu Abbe Francois Moigno (1804 bis 1884), der durch seine Publikationen viel zur Verbreitung beitrug.

1854 stellte Sir David Brewster  die erste Zweiobjektiv-Kamera vor, mit der man zum ersten Mal   Schnappschüsse stereoskopisch festhalten konnte. Bis dahin mussten die Stereohalbbilder nachein-ander belichtet und die Kamera zwischen den beiden Aufnahmen im Augenabstand verschoben werden, was bei bewegten Motiven zu unterschiedlichen Bildinhalten führen konnte, die keinen räumlichen Eindruck ermöglichten. Standardstereoformate waren in dieser Zeit 8,2 x 17 bis 9 x 18 cm, diese Karten enthielten zwei Bilder im Format ca. 8 x 8 cm; dennoch wirkte das hier entstehende räumliche Bild sehr groß. Da es fast unmöglich war zu dieser Zeit zwei identische Linsen zu schleifen blieben die einäugi-gen Kameras noch lange im Gebrauch, obwohl bewegliche Objekte nicht aufgenommen werden konnten. Erst Mitte der fünfziger Jahre sind identische Optiken herstellbar und damit kommen zweiäu-gige Stereokameras in Mode. Die Londoner Firma Brand and Long annonciert bereits 1857 eine Stereokamera mit zwei Optiken, dennoch wird auch noch 1864 die einäugige Kamera in der zeitgenös-sischen Fachliteratur empfohlen. In Frankreich erfand ein Herr Quinet 1854 eine zweiäugige Kamera, die er Quinetoscope nannte. Eine ähnliche Entwicklung wurde 1856 in Deutschland von der Firma Emil Busch vorgestellt. Bereits 1857 bietet sie vier verschiedene zweiäugige Stereokameras in ihrer Werbung an.

Im selben Jahr vereinfachte Brewster das Stereoskop, indem er die Spiegel durch linsenartig gebogene Prismen ersetzte. Für diese Instrumente wurde eine Sammellinse von etwa 18 cm Brennweite in zwei halbkreisförmige Stücke durchgeschnitten; die beiden Hälften wurden mit ihren kreisförmigen Kanten gegeneinander gerichtet in einem Gestell befestigt. In Blickrichtung hinter den Linsen wurde ein Blatt, welches die beiden Zeichnungen (oder fotografischen Bilder) enthielt, eingeschoben. Durch die Linsen-stücke wurden einerseits die Bilder dem Auge wie mit einer Lupe näher gebracht; dann aber wirkten sie auch wie Prismen, weil die Linsenhälfte vor dem rechten Auge das Bild scheinbar etwas nach links schiebt, während das Bild der mit dem linken Auge betrachteten Zeichnung etwas nach rechts gerückt erscheint. Auf diese Weise erfolgte das vollständige Zusammenfallen der beiden Bilder, wenn deren Achsen mehr als der Augenabstand (etwa 68 mm) auseinanderlagen, wodurch auch die Bilder breiter sein konnten und einen größeren Blickwinkel abdeckten. Stereoskope dieser Art mit Papierbildserien waren im 19. Jahrhundert allgemein in Gebrauch. Meist wurden jedoch zwei kleine Linsen, deren Achsen mit den Augenachsen etwa zusammenfielen (also ohne Prismenkeilwirkung) und dem Augenabstand angepasste Paare von 6 x 6 cm kleinen Bildern verwendet.

Brewster Stereoskop

Brewster Stereoskop

Brewster Stereoskop

Der Pariser Optiker Jules Dobascq (1817 bis 1886) erkannte bei einem Treffen mit Brewster die Bedeutung der dreidimensionalen Fotografie und begann sofort Stereokameras mit zwei Optiken zu entwickeln. 1851 beauftragte Dobascq den Daguer-rotypisten Claude Ferrier mit der Herstellung einer Serie von Daguerrotypien und  führte diese auf der Weltausstellung in London in seinen Apparaten der Öffentlichkeit vor. Es waren Stereoskope nach Konstruktionen von Brewster, mit denen er Stereo-Daguerreotypien zeigte. Die Resonanz des Publi-kums war überwältigend, und auch Königin Victoria begeisterte sich für diese Präsentation. Damit war der Siegeszug der Stereobilder nicht mehr aufzuhalten.  Nach dieser Ausstellung wurde Dubosq mit Aufträgen überhäuft, in drei Monaten wurden in Paris und London fast 250.000 Geräte verkauft. Scharen von Fotografen nahmen von nun an auf ihren Exkursionen durch die ganze Welt auch stereoskopische Fotos auf.  Claudet fertigte bereits 1853 ein erstes Taschen- oder Reiseetui mit einer darinnen befindlichen Daguerrotypie. Ein ähnliches Album hatte sich 1852 bereits John F. Mascher in Philadelphia (USA) patentieren lassen.

1850 erfand Blanquart-Evrard, der Inhaber der Kalotypie-Kopieranstalt in Lille das Albuminpapier. Das Fotopapier wurde mit einem Gemisch aus Eiweiß, Kaliumbromid und Essigsäure überzogen. Nach der Trocknung wurde eine Silbernitratlösung aufgetragen. Nun stand endlich ein preiswertes Kopierverfah-ren zur Verfügung. Für die Erwachsenen gab es Bilder ferner Länder und deren Bewohner oder die so beliebten Serien mit humorvollen Darstellungen und für die Kinder wurden Märchenbilder produziert. Hunderte von erotischen Serien kamen aus Frankreich auf den Markt. Die ersten Stadtansichten wurden von Paris und London aufgenommen, Ansichten von Berlin und Rom entstanden erst etwa 1865.

Die „London Stereoscopic Company“ konnte sich bereits um 1856 als größter Hersteller von Stereo-skopien mit den dazugehörigen Betrachtern bezeichnen. Aber es gab allein in England fast ein Dutzend anderer Produzenten, wie z. B. Meagher in London. Eine ähnlich gute Entwicklung gab es in Frankreich, vor allen Dingen in Paris. Die Fotografen signierten ihre Bilder oft nur mit Initialen als Abkürzung, der Grund lag in dem guten Absatz von erotischen Bildern oder Aktaufnahmen, diese waren allerdings verboten,  ja sogar Gefängnisstrafen waren dem Fotografen angedroht.

In Berlin entwickelte um 1880 der deutsche Physiker August Fuhrmann einen großen Rundlauf-Stereobetrachter, das Kaiser-Panorama; seinen Vorteil fand er in der Handkolorierung jedes einzelnen Glasbildes, das fast einem echten farbfoto nahe kam. In Mitteleuropa wurde das so genannte Kaiserpanorama um 1900 zu einem populären Massenmedium, in ganz Europa wurden 250 Filialen eingerichtet und ca. 150.000 kolorierte Glasbildstereos produziert. Hiermit erreichte die Bevölkerung quasi zum ersten mal eine Wochenschau aus aller Welt. Erst 1939 fiel das Unternehmen zusammen.

Der größte Produzent von Stereofotokarten und Stereobetrachtern in Europa ist heute fast vergessen. Etwa von 1894 bis 1921 fertigte und vertrieb die „Neue Photographische Gesellschaft Berlin-Steglitz“ über 7.000 Motive aus ganz Europa und einige aus Asien und Amerika. Auch wurden von der Firma eigene Betrachtungsgeräte als Hand- und Reisebetrachter angeboten.

Die weiteste Verbreitung fand das Stereoskop in der 1861 von Oliver Wendell Holmes entwickelten Bauform, ein Stereoskop mit Schärfeeinstellung, das zum De-facto-Standard wurde. Die Fertigung übernahm in Boston der Photograph Joseph Bates, ab Ende des 19. Jahrhunderts setzte es sich auch in Europa durch, es wurde hier das Amerikanische Stereoskop genannt.

Dies Bild zeigt sowohl eine Tischversion mit Standfuß als auch das Handstereoskop von Oliver Wendell Holmes

Dies Bild zeigt sowohl eine Tischversion mit Standfuß als auch das Handstereoskop von Oliver Wendell Holmes

Hier in Europa wurden viele Handbetrachter, ggf. auch auf Sockelständern produziert, in den USA wurden neben dem Holmes Handbetrachter vor allen Dingen Tischbetrachtungsautomaten entwickelt. Bereits mit einem US-Patent vom 7. 4. 1857 ließ sich Alexander Becker aus Philadelphia in New York seinen Tischbetrachter für 50 Bilder schützen, die auf einem Transportband fixiert waren. Diese in Europa als „Stereoscop americain“ bezeichneten Automaten konnten teilweise auch von zwei Betrachtern gleichzeitig genutzt werden und wurden schnell in Europa kopiert.

Durch den Krieg 1870/71 erlitt die Stereobegeisterung einen herben Rückschlag, denn die Stereobilder, insbesondere die handkolorierten, kosteten pro Stück fast den Wochenlohn eines Arbeiters. Erst mit der ab 1890 möglichen maschinellen Vervielfältigungsmöglichkeit gab es einen neuen Aufschwung. Außer-dem wurden von Jules Richard neue preisgünstigere Bildformate entwickelt in den Größen von 45 x 107 mm,  60 x 130 mm und 70 x 130 mm. Treibende Kraft war hier die Firma Jules Richard Paris, die es Laien und Amateurfotografen ermöglichte, Stereoaufnahmen zu produzieren. In den folgenden 70 Jahren wurden hier nicht nur preiswerte Stereokameras und unzählige Betrachter unter dem Namen „Verascope“ produziert, sondern auch eine riesige Reihe von Stereoserien auf Glasplatten. Jules Richard selbst hat in dieser Zeit Unmengen von ästhetischen und kompositorisch guten Aktaufnahmen von einzelnen Frauen und ganzen Gruppen in seinem Atelier, einem Atrium mit Wasserbecken, und im Garten an seinen Wohnsitz produziert. Er entwickelte auch einen Glasplattenpositivkopierer, in dem aus den Negativplatten der Kameras durchsichtige Glasplatten zur Betrachtung in seinen Handgeräten, aber auch für seine Tischgeräte, gezogen werden konnten.

Die Stereoskopie hat in dieser Zeit das Gesellschaftsleben in Europa und Amerika, nach der Öffnung Japans auch dort,  erheblich beeinflusst. Vielfältiges Bildmaterial wanderte in breite Bevölkerungs-schichten in einer Zeit ohne Radio und Fernsehen. Während in Deutschland durch die Einschnitte des 1. Weltkrieges nur noch recht einfache Geräte von Bing, Ernemann, Franke & Heidecke, von Liesegang und Plaubel, u. a. produziert wurden, erfreute sich die Stereokopie bei den Franzosen weiterhin einer großen Beliebtheit. Firmen wie Brugiere, Educa, Gaumont, Mackenstein, Mattey (Unis), Jules Richard und weitere produzierten unterschiedliche Betrachtungsgeräte und Betrachtungsautomaten, in all den zuvor genannten neuen Bildgröße. Später kamen die Stereobildkarten hinzu, mit ihnen kamen weitere Firmen auf den Markt mit neuen Betrachtern wie Lestrade und RoMo.

1938 entdeckten die Nazis in Deutschland die Werbewirksamkeit der Stereobilder und nutzten diese für ihre Zwecke. Dadurch konnte der Verlag Schönstein an Bedeutung gewinnen und bis Anfang der fünfziger Jahre Bildserien und Bücher publizieren.

In den USA vertrieben neben Underwood & Underwood vor allen Dingen Keystone ihre Produkte bis in die fünfziger Jahre. Es wurden immer wieder neue Bildserien zusammengestellt wie „Primary“ oder diverse „Tour of the World“, oder es wurden die Stereokarten einzelner Länder zusammengestellt und durch Buchmanuskripte informativ ergänzt. Alle Modelle der Telebinocular Viewer von Keystone überzeugen bis heute durch eine bestechende stereoskopische Wirkung beim Betrachten der Bilder. Das gilt vom Art Deco Modell bis hin zur elektrifizierten Ausgabe, die in einer Buchbox ausgeliefert wurde. Keystone produzierte ca. 20.000 unterschiedliche Stereokarten und wurde erst 1978 liquidiert. Underwood & Underwood beendete sein Geschäft bereits 1940, hatte bis dahin aber wohl weltweit zwischen 30 bis 40 Tausend Titel im Programm, in den besten Zeiten produzierten und vertrieben sie jährlich zehn Millionen Karten.

Der Orgelbauer Wilhelm Gruber erfand 1938 den View-Master, einen Stereobetrachter mit austausch-baren Bildscheiben, der bis heute einen Verkaufsschlager darstellt. Er wurde eigentlich als Lehrmittel für die Schulen entwickelt, wie der EDUCA in Frankreich, wurde dann aber eins der beliebtesten Spielzeuge. Diese Geräte wurden erst von Sawyers in den USA produziert, später auch von GAF in Belgien und gehören heute der Fa. Fisher Price Mattel Inc. Mexiko. Kopiert, bzw. besser abgekupfert, wurden diese Betrachtungsgeräte auch in der DDR, der Tschechoslowakei, in Japan, Italien, Russland und in China.

Zu Beginn des 20. Jahrhundert wurde neben dem Doppelbild das Anaglyphenverfahren entwickelt.

Bei den Anaglyphenbildern werden die beiden Halbbilder übereinander gedruckt, wobei beide Halb-bilder in Komplementärfarben eingefärbt werden. Als „Anaglyphe“ bezeichnet man zwar grundsätzlich jedes Stereobild, bei dem die beiden Teilbilder gleichzeitig auf derselben Fläche gezeigt werden. Auch die Polarisationsprojektion ist streng genommen eine „Anaglyphenprojektion“.

Meist ist jedoch mit „anaglyphisch“ eine farbanaglyphische Darstellung gemeint: Zur Trennung der bei-den Einzelbilder werden verschiedene Farbfilter in 3D-Brillen verwendet, fast immer sind die Gläser Rot vor dem rechten Auge und Grün vor dem linken eingefärbt. Beim Ansehen des Fotos bzw. des Films löscht der Rot-Filter das rote Farbbild aus und das grüne Bild wird schwarz – der Grünfilter löscht das grüne Farbbild und das rote wird schwarz. Da beide Augen nun verschiedene Bilder sehen, entsteht im Gehirn wieder ein räumliches Bild.

Ende der 1970er-Jahre verbesserte Stephen Gibson die Farbanaglyphentechnik erheblich mit seinem patentierten „Deep Vision“-System, das andere Filterfarben verwendet: Rot vor dem rechten Auge und Blau vor dem linken. Inzwischen bietet auch die dänische Firma „Color Code“ ein eigenes Farbanaglyphen-System an. Die Filterfarben der „ColorCode“-Brillen sind Blau vor dem rechten Auge und Gelb vor dem linken. Für den Spielfilm „Journey to the Center of the Earth“ wurde 2008 in England ein weiteres Farbanaglyphenverfahren („Trio Scopics“) eingeführt, mit Grün vor dem linken Auge und Magenta vor dem rechten.

Anhand des Rot-Cyan-Verfahrens wird hier die Vorgehensweise bei der Erzeugung eines dreidimensionalen Bildes anhand nebenstehenden Schemas erläutert:

  • In der ersten Zeile erkennt man die zwei farbigen Bilder für das linke und rechte Auge (in dieser Darstellung auch mit Parallelblick zu sehen).
  • Die zweite Zeile verdeutlicht, dass ausschließlich der Rot-Kanal des linken Bildes, sowie Blau- und Grünkanäle des rechten Bildes für die Berechnung herangezogen werden.
  • Die fertige, farbige Anaglyphe in Zeile drei entsteht durch die Kombination aus Rotkanal des linken und Blau-Grün-Werten des rechten Bildes.

Perfekt ist diese Methode nicht. Problematisch sind bei der Betrachtung durch eine Rot-Cyan-Brille vor allen Dingen die zwei linken Kugeln, da sie die Filterfarben Rot und Cyan besitzen, was zu störenden Effekten bei der Betrachtung führt.

Während Rot-Grün- und Rot-Blau-Brillen jeweils nur zwei Farbkanäle der verfügbaren Rot, Grün, Blau-Kanäle verwenden, besteht Cyan aus einer Mischung von Grün und Blau, was zusammen mit dem roten Filter alle drei Farben mit ins Spiel bringt (im Falle der Blau-Gelb-Brillen gilt das Gleiche, da Gelb aus rotem und grünem Licht erzeugt wird).

In den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts  gab es noch einmal eine Neuentwicklung für die Klein-bildkameras. Es wurden Kleinbildstereokameras mit zwei Optiken gefertigt, gerade die deutschen Hersteller fanden in den USA einen riesigen Absatzmarkt, wie z. B. Iloca (Witt), Ediax (Wirgin) und die Firma Leitz. Aber auch eine weitere Neuerung erbrachte große Umsatzzahlen, die Entwicklung eines Stereostrahlenteilers. Fast alle großen Kamerawerke brachten diese Vorsatzgeräte für ihre Kleinbildkameras und die dazugehörenden Betrachter auf den Markt. Es wurden auf dem Kleinbildfilm von 24 x 36 mm zwei Halbbilder von 24 x 18 mm erzeugt, die ebenfalls einen guten stereoskopischen Eindruck vermittelten und einfach projiziert werden konnten. Zum Betrachten waren lediglich Polbrillen notwendig. Stereoskope für zu Hause wurden erneut populär. Verlage boten Stereoskopkarten aus aller Welt an.

Aufgrund des höheren technischen Aufwands hat sich die Stereofotografie bisher nie dauerhaft durch-gesetzt. Heute erlebt sie Dank der Einführung der Digitalkamera wieder eine leichte Renaissance, weil das teure Fotopapier entfällt, die Dias nicht mehr aufwendig gerahmt werden müssen und Experimente weniger kostspielig sind. Mit der digitalen Bildbearbeitung ergeben sich auch neue Möglichkeiten für die Stereoskopie. Die Faszination für das räumliche Bild ist aber immer geblieben, die neuen 3D-Filme der Unterhaltungsindustrie verstärken in den letzten Jahren das Interesse erneut an der Stereoskopie.

Im  Jules Richard Museum in Lentzke kann die gesamte Geschichte der Stereofotografie an realen Objekten in der ständigen Ausstellung nachvollzogen werden. Im Bestand dieses Museums befinden sich nicht nur über 130 Stereokameras aller zuvor genannten Epochen, Formate und Bildgroßen, sondern auch die dazugehörenden Betrachter in 200 verschiedenen Ausführungen von 1860 bis heute als Handbetrachter, faltbare Reisebetrachter und aufwendig ausgestattete Tischbetrachter.

Eine Auflistung der wichtigsten Stereokameras befindet sich in der nachfolgenden Anlage.

Das Museum zeigt auch einen Einblick in die aufwendigen Prozesse innerhalb der Dunkelkammer beim Entwickeln der Glasplatten und des Filmmaterials und beim Kopieren des Filmmaterial zu Papierbildern (etwa mit dem Tageslichtvergrößerungsautomat der französichen Firma Gaumont) und auch zu Glaspositiven mit den Kopierrahmen der unterschiedlichten Hersteller und dem genialen Automatique Inverseur von Jules Richard.

In den Ausstellungsvitrinen dieses Museums  und im Archiv lagern über 35.000 Stereobilder aller jemals hergestellten Formate aus der gesamten Welt, die in immer wieder wechselnden Ausstellungen und Themenbereichen den Besuchern vorgestellt werden.

Neben zwei Becker Stereobetrachtungsautomaten aus Philadelphia (USA) aus den sechziger Jahren des vorletzten Jahrhunderts, den offesichtlich weltweit ersten Stereobetrachtungsautomaten, kann das Museum weitere 20 Betrachtungsautomaten aus ganz Europa und 12 Stereoprojektoren aus Europa und Asien präsentieren.

Auf einem Großbildschirm können moderne 3D-Filme aus aller Welt den Kindern und den interessierten Erwachsenen vorgeführt werden, auch stehen Diaserien in 3D vor Vortragsreihen bereit.

 

Peter M. Stajkoski     im Jahr 2016